Zombies

 

«Muesch mau luege, zu was für Zombies d Mönsche sy worde.» Meine Frau schaute mich fragend an, als ich dies neulich am Flughafen zu ihr sagte. Doch als sie sich umschaute, sah sie es auch: Statt auf freie, vergleichsweise weiche Sessel setzten sich Menschen auf den Boden, weil sie dort ihr Notebook mit Strom aus der Steckdose versorgen konnten. Andere hielten in der einen Hand das Smartphone, in der anderen das Battery-Pack, das für genügend Energienachschub auf der langen Reise sorgen sollte.

 

Plötzlich fällt mir immer und überall auf, wie mehr und mehr Menschen zu Zombies mutieren, ständig auf der Suche nach elektrischem Strom, um ohne Unterbruch mitzuschwimmen im Strom der Informationen, der sie in den sogenannt sozialen Medien mehr und mehr dem realen Leben entreisst.

Ich erinnerte mich an die Szene am Flughafen, als ich mich vor ein paar Tagen an der BEA im offenen Büro mit Bar – Neudeutsch «Co-Living-Area» – einrichtete, welches die Betreiber der Konzepthalle 6 zusammen mit den Machern des Start-ups Daycrunch auf die Beine gestellt hatten. Bewaffnet mit Notebook und zwei Smartphones, loggte ich mich ins Redaktionssystem ein und fing an, Mails zu bearbeiten, Fotos zu übermitteln, Zeitungsseiten zu gestalten. Das WLAN, das die Macher des 1200-Quadratmeter-Standes zur Verfügung stellten, war stabil, schnell und funktionierte einwandfrei – technisch war bis auf den kleinen Bildschirm des Notebooks kein Unterschied zu bemerken zur Arbeit im Redaktionsbüro.

 

«Hey, du bist im Fall jetzt genau einer dieser digitalen Zombies», huscht mir auch jetzt durch den Kopf, wo ich diese Zeilen im Zug tippe – in einer cloudbasierten Software, die es mir ermöglicht, den Text später in der Redaktion auf einem anderen PC zu öffnen und zu bearbeiten. Sind wir wirklich alle zu digitalen Zombies mutiert, die wir unterwegs unsere Gadgets nutzen und so die Unabhängigkeit geniessen, die uns neue Technologien erlauben?

 

Ich glaube: Nein! Es geht darum, wie der vorige Satz formuliert wird, mit «Unabhängigkeit» oder «Freiheit». Frei sind wir nicht, weil wir uns jederzeit und überall auf der Welt in unser Büro einklinken können – im Gegenteil. Aber wir sind unabhängiger von Raum und Zeit, und das bietet neue Möglichkeiten. Zumindest solange der Strom fliesst und das WLAN stabil ist. Und: Wir können uns bewusst ausklinken, wenn wir wollen. Und lächelnd auf dem gepolsterten Sessel sitzen und jene bemitleiden, die sich nicht ausklinken können oder wollen.

 

 

Erstmals publiziert 13. Mai 2017 als "StaTTgeflüster" im Thuner Tagblatt
Bild: www.stevecutts.com

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