Miteinander

Als ich anfing, mit journalistischem Anspruch zu schreiben, war die Welt noch eine andere – nicht nur medial. 1992 war das Internet noch was für Unis, Forscher und Wissenschafter, höchstens Yuppies telefonierten mit Mobiltelefonen – und die Zeitungen waren noch die unangefochtenen Gralshüter der Medienqualität. Sie genossen schier grenzenloses Vertrauen und verfügten über schier uneingeschränkte Kontrolle über Informationsflüsse rund um den Globus.

Wir waren Teenager, haben Fotofilm-Rollen zum entwickeln beim Fotolabo-Club eingeschickt und solange die Texte auf der Schreibmaschine getippt. Als die Fotos vom entwickeln zurück waren, gings ans layouten – mit Schere, UHU-Stift und Kopier-Apparat – um danach das ganze Paket nochmal zu kopieren, zu heften und für den Versand zu verpacken. Kein Live-Feed, keine Blogposts in Echtzeit vom Festival, aus dem Kongress oder von der Produktepräsentation. Und selbst als ich wenige Jahre später beim Thuner Tagblatt als freier Mitarbeiter anheuern durfte, war das nicht viel anders als in der eigenen «Redaktion» daheim: Viel Handarbeit; zig Schnittstellen, die man heute als «Medienbruch» bezeichnen würde; repetitive Abläufe, die jegliche Kreativität im Keim erstickten.

Und heute? Alles besser? Chasch dänke!, wie wir auf Berndeutsch sagen. Kreativität? Natürlich! Live-Feed? Unerlässlich! Medienbruch? Warum auch – ist ja eh alles digital! Dafür können hunderte Millionen Menschen jederzeit ihre «Nachrichten» live ins Internet streamen, Tempo hat inhaltliche Präzision als höchstes Gut schon lange überflügelt, genauso wie das «Like» die differenzierte Diskussion schon längst abgelöst hat. Wie wollen wir uns auch den Raum für differenzierte Diskussionen schaffen, wenn noch während wir erörtern schon das nächste Aufreger-Thema auf dem Bildschirm aufploppt und die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Geblieben ist – das ist meine tiefe Überzeugung – dass trotz aller Schnelllebigkeit Faktoren wie Vertrauen und persönliche Nähe zum Thema zentral sind. Vertraut mir ein Nutzer, eine Leserin oder ein Kunde nicht, kann ich noch so fundiert und ausgewogen recherchieren, sachlich bleiben und mich an die Fakten halten: Ich erreiche sie und ihn nicht mit meiner Botschaft. Schaffe ich es jedoch – über die Zeit und über stets anständige Arbeit – bei Lesern, Nutzerinnen oder Kunden dieses Vertrauen aufzubauen, dann ist das die Basis gelegt für eine langfristige und nachhaltig erfolgreiche Zusammenarbeit. Und genau dieses «Zusammen» ist, was uns als Gesellschaft vorwärts bringen wird. Nicht das Gegeneinander, nicht das «Ich bin schneller» oder «Ich bin lauter». Sondern das Miteinander. Und nur das!

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