Privilegiert

 Die Schlagzeile «Teilzeitarbeit macht die Väter unglücklich» war neulich auch in dieser Zeitung zu lesen. Ein vorwurfsvolles «Echt jetzt!?!» schoss mir durch den Kopf. Immerhin gab sich Soziologe Martin Schröder, von dem die Aussage stammte und der die entsprechende Studie veröffentlicht hatte, alle erdenkliche Mühe, im Interview zu erklären, dass diese Aussage weder seiner Meinung noch seinem Bild der Gesellschaft entspreche – aber die Studienergebnisse würden halt nun mal a) eine klare Sprache sprechen und b) keinesfalls alleine in der Welt stehen.

 

«Dann bin ich halt ab der Norm», war mein simpler Schluss nach der Lektüre des besagten Interviews. Mit meinem 70-Prozent-Pensum beim «Thuner Tagblatt» – ein Spätdienst pro Woche sowie regelmässige Wochenendeinsätze inklusive – bin ich nicht selten zwei oder drei Tage pro Arbeitswoche daheim und stolpere mehr oder weniger effizient zwischen Wäsche waschen, Kindergartentasche packen, Mittag- oder Abendessen kochen und freiberuflichen Engagements durch den Alltag. Hochs wie Kindergeschichten vorlesen vor dem Kindergarten oder gemeinsam in der Badi rumtollen an freien Sommernachmittagen gehören ebenso dazu wie die Tiefs, die alle Eltern kennen: «Putz deine Zähne!», «Sitz aufrecht am Tisch!», «Mach vorwärts!» oder «Nicht in diesem Ton, junge Dame!», sind nur ein paar der Vokabeln, welche tatsächlich bisweilen eine gewisse Unzufriedenheit an den Tagen daheim aufkommen lassen.

 

Doch gemessen an den Hochs – im Sommer vorzugsweise in der Badi, im Winter im Eriz – oder an den gesparten Stunden dank Einkäufen abseits grossen Gedränges oder am Stolz, wenn die Kleine neue Talente entdeckt und zelebriert, ist diese Unzufriedenheit schlicht nicht der Rede wert.

 

Natürlich bedingt ein Teilzeit-Arbeitsmodell eine hohe Flexibilität des Arbeitgebers. Ich wage indes zu behaupten, dass sie in unserem Fall auf Gegenseitigkeit beruht. Und gerade in einem Job, der selten planbar ist, in dem aber Überraschungen alles andere als eben überraschend sind, geht es ohne Flexibilität und Anpassungsfähigkeit schlicht nicht. Und vielleicht läge hier das Geheimnis vergraben, das viele Väter – aber auch Arbeitgeber ebenso – noch nicht verstanden haben: Ohne die Bereitschaft, sich dauernd an neue Situationen anzupassen, geht es nicht. Solange das so ist, werden Väter wohl weiter in Umfragen sagen, sie seien mit Teilzeitarbeit unglücklich. Mir kann's recht sein. Denn so lange darf ich mich getrost als abnormal privilegiert betrachten.

 

 

Erstmals publiziert 21. Juli 2018 als "StaTTgeflüster" im Thuner Tagblatt

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