Übergang

 «Sag mir, wo die Blumen sind», sang Marlene Dietrich 1962 mit ihrer typischen Mischung aus unterkühlter Distanz und heisser Leidenschaft, als wollte sie den langatmigen, bisweilen mühsamen Übergang vom eisigen Winter in den wohlig-warmen Sommer in jeder Note feiern.

 

Mittlerweile sind mehr als fünfzig Jahre vergangen, und ein Wimpernschlag in der Weltgeschichte hat uns in Kombination mit einer nie da gewesenen Zunahme des CO2-Ausstosses den Klimawandel gebracht. Aus eisigen Wintern wurden hierzulande laue Sumpfmonate, aus wohlig warmen Sommern heisse, trockene und gewittrige Chaoswochen, in denen Katastrophen zur Tagesordnung gehören.

 

Etwas ist scheinbar vollends abhanden gekommen: die Phase des Übergangs. Wälder werden nicht mehr zaghaft bunt und verlieren nach und nach Laub. Sie bleiben trocken grün, werden kurz brund verlieren ihr Laub mit dem ersten Schnee oder Frost im November auf einen Schalg. Im März hüpfen Schneeglöckchen förmlich aus dem Boden – und die Apfelbäume blühen schon im Februar zum ersten Mal.

 

Zwischenjahreszeiten? Phasen des Übergangs? Zaghaftes Erwachen der Natur und der Menschen aus dem Winterschlaf mit einem sanften Blinzeln in den ersten Frühlingstagen jenseits der 10-Grad-Grenze? Fehlanzeige. Altweibersommer, draussen sitzen in langen Hosen, Pulli und Jacke und die letzten Sonnenstrahlen im Oktober auf der Wange geniessen? Denkste!

 

So wie die westliche Gesellschaft alles daransetzt, den Tag zur Nacht werden zu lassen und am Tag zu schlafen, so emsig sind wir daran, Frühling und Herbst abzuschaffen. Winter oder Sommer – sonst kennen wir nichts. Daunenjacke an einem Tag, barfuss am nächsten; Schlitteln in einer Woche, im Brunnen planschen in der nächsten. Keine Zeit, nachzudenken, sich anzupassen an die neuen Gegebenheiten, eine Veränderung zu beobachten, zu erleben und wirken zu lassen.

 

Und damit zurück zum Lied, das diese Phasen des Übergangs so herrlich intoniert. «Jede Strophe beginnt mit dem Schlussgedanken der vorangehenden Strophe», schreibt die Onlineenzyklopädie Wikipedia, «der Endgedanke der letzten Strophe führt zum Anfangsgedanken der ersten Strophe zurück.» Die Schlussfolgerung lautet: «In jeder Strophe fragt der Kehrreim, wann endlich die Menschheit aus den Fehlern früherer Generationen lernen werde.» Ich wage die Behauptung: erst, wenn sie akzeptiert, dass Veränderungen Zeit brauchen, und anerkennt, dass Frühling und Herbst genauso überlebenswichtig sind wie Sommer und Winter.

 

Erstmals publiziert am 28. Mai 2016 im Thuner Tagblatt

 

 

 

 

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