Zuhören

 Alle sind wir auf Sendung. Dauernd. Überall. Mehr als 400 Stunden Videomaterial werden weltweit auf Youtube hochgeladen – pro Minute! 350 Millionen Fotos kommen bei Facebook hinzu – pro Tag! Wobei diese Zahlen aus dem Jahr 2013 stammen. Die Annahme, dass es heute wesentlich mehr sind, ist naheliegend. Im Jahr 2016 wurden täglich 80 Millionen Bilder auf Instagram hochgeladen – und auch diese Plattform ist seither weiter gewachsen. Anfang der 1970er-Jahre dauerte ein Sitzungstag in Bundesbern gut 7 Stunden. Heute sind es rund 9 Stunden. Blogs, Vlogs, Podcasts, Leserbriefe, Kommentarspalten: Wir können unsere Meinung zu jedem Thema heute überall in die Welt hinausposaunen.

 

Die Frage ist bloss: Wenn alle laut und intensiv durcheinanderdebattieren: Wer hört dann noch zu? Und wie verschaffen sich all jene Gehör, deren Naturell nicht so impulsiv ist und einem Lautsprecher in Dauerbetrieb gleicht? Wer sieht all die Fotos auf Instagram und all die Videos auf Youtube an, wer liest all die Blogeinträge und die wütenden, liebenden, klagenden, bettelnden Facebook-Posts? Und reflektiert das Gesehene – sofern es was zu reflektieren gibt – und gibt allenfalls sogar Antwort? Eine Antwort, die allenfalls wiederum eine Erwiderung provozieren könnte, sodass ein Dialog entstehen kann?

 

Mein Verdacht ist: Es besteht ein krasses Missverhältnis zwischen Sendern und Empfängern. Jüngstes Beispiel aus dem Deutschen Bundestag: Eine Abgeordnete schmettert eine Wut- und Brandrede gegen alles, was politisch links von ihr steht, in das Bundestags-Rund, um anschliessend den Saal zu verlassen. Warum sich auch die Argumente der «Gegenseite» anhören?

 

Eine Demokratie ist das Ergebnis des Austauschs von Meinungen. Dieser ist aber nur möglich, wenn wir den Willen und die Fähigkeit zuzuhören erhalten. Je lauter die selbstverschuldete Kakofonie rund um uns herum aber schallt, desto kleiner wird die Chance, dass noch jemand freiwillig die Ohren offen hält und zuhört. Und wer es geschafft hat, diesen Zeilen bis hierhin zu folgen, dem wird klar werden, dass hier nichts Neues erzählt wird. Wir landen vielmehr beim Sprichwort, das seit Jahrhunderten in verschiedenen Kulturen rund um den Globus als Weisheit gilt: «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.»

 

Erstmals publiziert 26. Mai 2018 als "StaTTgeflüster" im Thuner Tagblatt

Bild: marriage-encounter.at

 

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